»Systemwechsel« von Marc Elsberg

Am 29.08.2016 in agora 42 erschienen.

Klimawandel, Raubtierkapitalismus, steigende Ungleichheit, Wachstumswahn, Globalisierung, Digitalisierung, Automatisierung – und jetzt noch Völkerwanderungen!

„Wir müssen etwas ändern!“, so schallt es allenthalben.

Man könnte anmerken: Diese Entwicklungen ändern doch ohnehin jede Menge.

„Aber in die falsche Richtung!“

„Mitnichten!“, erwidern Milliarden Menschen in China, Indien und anderen „Schwellenländern“, die in den vergangenen Dekaden aus der Armut in die Mittelschicht aufsteigen konnten, sowie weitere Milliarden, die das noch gerne möchten.

„Das macht unser Planet nicht mit!“, hallt es aus dem Westen wider. (Und der wegen Migranten, Klimawandel etc. „besorgte Bürger“ schon gar nicht.)

„Keine Sorge, die Märkte allokieren die Ressourcen schon“, antwortet darauf der neoklassische Volkswirt; werden die Kosten der Umweltverschmutzung zu hoch, fließt das Kapital in umweltfreundlichere Technologien und so weiter.

„Na sicher, die Märkte! Die mit der Subprimebankenschuldenwährungsdauerkrise?“

Und nicht wenige möchten, dass alles wieder so wird, wie es in ihrer verzerrten Erinnerung früher einmal war.

Wir sehen schon: Utopien, Wünsche, Träume gibt es genug. Die Meinungen über die wünschenswerte Zukunft gehen allerdings auseinander. Was also tun?

In meinem Roman BLACKOUT wollen politisch motivierte Terroristen durch einen wochenlangen Stromausfall in Europa und den USA das gegenwärtige System so nachhaltig zerstören, dass Platz für eine neue Ordnung ist. Wie schon viele vor ihnen glauben sie, dass das vermeintlich falsche System nur durch einen gewalttätigen Umsturz geändert oder beseitigt werden kann. Solche Fantasien und Taten findet man in allen Bereichen des gesellschaftlichen Spektrums. Mal fliegen Brandsätze von „rechts“ gegen Flüchtlingsunterkünfte, mal Ziegel von „links“ gegen Polizeistationen, um nur zwei Beispiele aus Deutschland zu nennen.

Aber erreicht man auf gewalttätige Weise das angestrebte Ziel?

Es kommt auf das Ziel an.

Vorhang auf für: die Pfadabhängigkeit! Bekannt aus Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, der Systemtheorie etc. Ihr zufolge hängt das Verhalten eines Systems stark von seinen Ausgangsparametern ab. Selbst wenn sich die Situation später ändert und andere Verhaltensweisen klüger wären, hält das System gern an seinen Strategien fest (der Starrkopf!). In der Diskussion um gesellschaftliche Systemwechsel würde das bedeuten: Gewalttätige Umstürze durch kleine Gruppen führen eher zu gewalttätigen, autokratischen Systemen, friedliche, mit breiter Unterstützung der Bevölkerung erreichte Veränderungen bringen eher friedfertige, demokratische Systeme hervor. Datenanalysen zu politischen Systemwechseln stützen diese These (siehe beispielsweise Bruce Ackerman, Adrian Karatnycky, Erica Chenoweth, Maria Stephan). Mischformen wie Rücktritt oder Putsch scheinen weniger Erfolg versprechend als breiter gesellschaftlicher Konsens, Vorab-Kapazitätsaufbau der Zivilgesellschaft, Verhandlungen, Wahlen (siehe zum Beispiel Jonathan Pinckney). (Der Erfolg gesellschaftlichen Konsenses und Vorab-Kapazitätsaufbaus der Zivilgesellschaft erklärt dann auch die zunehmenden Repressionen gegen und Verbote von Medien und NGOs in autokratischen Regimen.)

Es stellt sich daher die nächste Frage: Welches Ziel soll ich wollen?

Einfache Antwort: hohe Diversität. Denn diese erhöht die Möglichkeiten eines Systems, auf Störungen zu reagieren. Sonst ergeht es der Gesellschaft wie landwirtschaftlichen Monokulturen, die durch eine einzige Störung (Schädling, Wetter etc.) leicht vernichtet werden können.

Fazit: Den ohnehin permanent vonstattengehenden Wandel gestaltet man demnach möglichst friedlich und Vielfalt fördernd (wobei „friedlich“ der schwierigere Teil ist, gerade wenn man mit einem autokratischen und/oder gewalttätigen Regime konfrontiert wird; aber selbst dann sollte man sich im Sinn der Pfadabhängigkeit so verhalten, dass ein solches Regime mit höherer Wahrscheinlichkeit in ein friedliches und diverses System übergehen kann).

Alles leichter gesagt als getan.

Aber mit dem Sagen könnte man anfangen – am Anfang steht bekanntermaßen (fast) immer das Wort.

Der Stil des Diskurses bestimmt das Ergebnis; Pfadabhängigkeit, der alte Sturschädel, schon wieder. (Und – eigenes Thema – hoffen wir, dass die zunehmende Polarisierung aller Debatten ihren Ursprung nicht in der nunmehr allen Lebensbereichen zugrunde liegenden digitalen Kommunikation hat, die als Zustände nur die Pole 0 oder 1 kennt.)

Weitermachen könnte man beim Handeln. Nach dem bekannten Motto: Sei selbst der Wandel, den du dir wünschst! (Wieder Pfadabhängigkeit: Viele handeln, und das neue System wird sich entsprechend herausbilden.)

Aber das hieße ja dann statt: „Wir müssen etwas ändern“ plötzlich: „Ich muss etwas ändern“, ja, „Ich muss mich ändern“!

Na, und das ist jetzt vielleicht etwas viel verlangt.